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Emmi Redlin

"Bosheit macht Emmi Redlin wütend", so stand es einmal in einer Herforder Zeitung. Und weiter hieß es: "Diese Frau hat Mumm. Sie weiß was sie will und kann." Sie wollte und konnte 1993 ein eigenes Buch veröffentlichen mit dem Titel "Wie gern würd ich vom Frieden singen - Gedichte und Prosa gegen Krieg und  Fremdenhass." Ein weiterer Band mit Gedichten folgte 2003, ebenfalls im Selbstverlag.

Im Januar 2005 starb Emmi Redlin. Etlichen Mitgliedern unseres Vereins und der früheren Friedensgruppe Stiftberg wird sie mit ihrem Engagement und ihrer Herzlichkeit immer in Erinnerung bleiben. Mit freundlicher Genehmigung ihres Ehemannes dürfen wir hier ein Gedicht vom 25.05.1986 wiedergeben, dass sie in beide Bücher aufgenommen hatte:

Tschernobyl

Macht Tschernobyl die Deutschen krank?
Vorübergehend - Gott sei Dank!
Es ist zum Glück weit weg von hier
und schadet weder dir noch mir
auf lange Sicht - und nebenbei:
Was soll die dumme Fragerei?
Man braucht ja nur Gemüse meiden!
Die Tiere nicht auf Wiesen weiden!
Kleinkinder nicht in'n Regen lassen!
Und Spielplatzsand nicht anzufassen
Schaffleisch sollt' man vorerst nicht essen,
denn unsre Politiker lassen noch messen
das Jod und das schlimmere Cäsium -
sie nehmen's genau und sind doch nicht dumm!
Oder haben die Deutschen das etwa gedacht?
Sogar Kanzlers Gattin hat freudig gelacht,
dass Salat zum Verzehr wieder freigegeben ...!
Hurra! Wir dürfen noch weiterleben!

Macht Tschernobyl die Franzosen krank?
Viel zu weit weg - dem Himmel sei Dank!
Und sollte bei ihnen selbst was geschehn,
wird der Wind alles gnädig nach Deutschland wehn!
Hier gibt man dann Parolen aus
wie: Leute seid helle, bleibt Zuhaus!
Und haltet alle Fenster dicht!
Doch wirklich schädlich ist das nicht!!
Wir schränken uns wieder beim Essen ein,
wer wird denn gleich so entmutigt sein?
Das bißchen radioaktiver Regen!
Die Kernkraft ist doch echt ein Segen!
Sie verschafft uns Arbeit und sauberen Strom,
wer stört sich den schon an dem Wörtchen Atom?
Das müssen doch nur paar ganz Dumme sein,
die sitzen dann später bei Kerzenschein
und können im Halbdunkel nicht mal lesen,
was die Ursache des Knalls in Frankreich gewesen!

Macht Tschernobyl Amerikaner krank?
Viel zu weit weg - dem Himmel sei Dank!
Zwar hatten die vor einigen Jahren
an einem Atomwerk mal Schlechtes erfahren,
doch hatte das nicht die Spur von Graphit!
Das ha'm nur die Russen - so'n alten Schiet!
Und warum sollten Ängste sie plagen?
Sie brauchen doch nur Dr. Gale zu fragen,
den sie sogar jetzt nach Russland schicken,
dort darf er Betroff'nen am Knochenmark flicken!

Macht Tschernobyl die Engländer krank?
Viel zu weit weg - dem Himmel sei Dank!
Die "Eiserne Lady" ist stets überzeugt,
dass nichts und niemand England verseucht!
Auch glaubt sie nicht, dass der Wind mal dreht
und vom Osten zu ihr herüberweht.
Die Kernkraftwerke, die eigenen, sind
okay, das weiss jedes englische Kind!
Und die paar "kleinen Störungsfälle"
waren stets unter der Gefahrenschwelle!

Macht Tschernobyl die Russen krank?
Bestimmt! Ein ganzes Leben lang!
Sie sind verstrahlt auf viele Jahre.
Es blutet die Haut, sie verlieren die Haare.
Sie mussten ihren Wohnsitz verlassen
und können das alles noch nicht fassen.
Und die, die zur Zeit noch nicht geboren,
haben schon jetzt ihre Zukunft verloren.
Doch Zeitungen schreiben: Viel ist nicht passiert,
man hat 90.000 evakuiert!
Und bisher gab es nur 19 Tote!
Das ist doch eine niedrige Quote!
Die Menschen waren "heldenhaft",
bevor der Atomtod sie hingerafft!
Sie haben sogar bis zuletzt "funktioniert"
und wurden im Tode noch dekoriert
mit einem Orden für "Tapferkeit",
der dem lausigen Sterben noch Würde verleiht?

Ihr Atomfetischisten in aller Welt,
dass es euch nur recht in den Ohren gelt,
was die Sterbenden noch hinausgeschrien:
"Es ist Mord! Und Mord wird euch niemals verziehn!"

Alle Rechte bei Emmi Redlin. © 1993, 2003.


Anmerkungen

1. Strophe (Deutsche)

Die radioaktive Wolke hatte 1986 vor allem Jod-131 und Cäsium-137 nach Deutschland getragen. Vom radioaktiven Cäsium ist 2006 immer noch mehr als die Hälfte des ursprünglichen Menge im Boden vorhanden.

2. Strophe (Franzosen)

Frankreich besitzt mit 58 Kraftwerken nach den USA den weltweit zweitgrößten Bestand an Atomkraftwerken. (Quelle: DIE ZEIT 23.10.2003 Nr.44)

3. Strophe (Amerikaner)  

Im amerikanischen Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg kam es 1979 zu einer teilweisen Schmelze des Reaktorkerns. Radioaktives Kühlwasser und Gase wurden freigesetzt.

Der Reaktortyp von Tschernobyl arbeitete mit Graphit statt Wasser als Moderator. Reaktoren dieses Typ gelten unter bestimmten Bedingungen als besonders schwer steuerbar.

Der amerikanische Arzt und Knochenmarkspezialist Robert Gale hielt sich zur Behandlung von Tschernobyl-Opfern im Mai 1986 in Moskau auf.

4. Strophe (Engländer)

Margaret Thatcher, bekannt unter dem Spitznamen "Eiserne Lady", war von 1979 bis 1990 die erste weibliche Premierministerin Großbrittaniens.  

Aus den Wiederaufbereitungsanlagen für abgebrannte Kernbrennstoffe in Sellafield bzw. Windscale sind über Jahrzehnte radioaktive Stoffe in die Irische See gelangt. 1957 brach dort in einem Reaktor, welcher der Erzeugung waffenfähigen Plutoniums diente, ein Feuer aus. Erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt.

5. Strophe (Russen)

Offiziell sind bei der Katastrophe in Tschernobyl nur 31 Menschen umgekommen, darunter die während der ersten Stunden tödlich verstrahlten Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter. Es wurden jedoch danach noch Hunderttausende sogenannter "Liquidatoren" mit unzureichender Schutzausrüstung zu Aufräumarbeiten in hoch verstrahlte Bereich geschickt. Die Bevölkerung um Tschernobyl wurde erst spät gewarnt und evakuiert, so dass auch Kinder erheblichen Strahlendosen ausgesetzt war. Die wahre Zahl der von Tschernobyl verursachten Todesfälle und Erkrankungen dürfte daher eher in die Tausende gehen.